über die Schulung der Aufmerksamkeit und die Kunst der Entspannung
Dieser Artikel erschien im September 99 in der Zeitschrift “Visionen”
Die nervliche Belastung, der wir alle Tag für Tag ausgesetzt sind, hat heute enorme Ausmaße
angenommen. Die immer noch weiter zunehmende Geschwindigkeit unseres gesamten Lebens, die Schnelligkeit,
mit der wir oft Entscheidungen treffen müssen, ohne vorher Gelegenheit zu haben, uns zu orientieren und
abzuwägen, führt zu einem Gefühl der Überforderung. So hat in den letzten Jahren der sogenannte "Streß",
oder das "Gestreßtsein" immer mehr zugenommen. Wenn man heute sagt: "Ich bin gestreßt", dann wird
natürlich eine ganze Fülle von Ursachen und Einflüssen zusammenspielen, die diesen Zustand oder dieses
Grundgefühl erzeugen.
Ein deutlich sichtbares Zeichen dafür, wie sehr das Gefühl des "Gestresstseins" immer mehr Menschen
als Grundzustand begleitet, ist der steigende Absatz von spezieller "Entspannungsmusik", von ätherischen
ölen zur Entspannung oder die Fülle von Angeboten zum Streßabbau, wie etwa Yoga oder autogenes Training.
Wir haben fast alle die Fähigkeit zur Entspannung verloren und suchen nach Möglichkeiten aus der
Dauerspannung des Streß wieder herauszufinden.
Wie finden wir nun die ersehnte Entspannung? Eine Vielzahl von Techniken und Methoden bieten sich
hier an und versprechen die Aufhebung von Streßzuständen. Es erscheint jedoch günstig, nicht gleich nach
einer schnellen Lösung des Problems Ausschau zu halten, sondern den Blick ein wenig zu weiten und das
Phänomen Streß in der Gegenwart einmal ein wenig umfassender betrachten. Eine solche weite und umfassende
Betrachtung kann Zusammenhänge ans Licht bringen, die wir sonst allzu leicht übersehen würden und die
doch für die Bewältigung von Streß eine große Rolle spielen können.
Wir wissen von den Menschen, die tiefer in die Geheimnisse unserer Schöpfung blicken konnten und
können, daß alles, was existent ist, einen Sinn in sich trägt; das Gute, aber auch das Böse, die
Gesundheit, aber auch die Krankheit. Es liegt also nahe, auch das Phänomen Streß einmal unter diesem
Gesichtspunkt zu betrachten. Könnte es nicht so sein, daß das Zeitphänomen Streß, die permanente Überlastung unseres Nervensystems, uns auf eine Entwicklungsaufgabe hinweist, die es zu erkennen gilt?
Viele Menschen sprechen heute davon, daß wir an der Schwelle zu einer neuen Zeit stehen.
Nun werden sicherlich ganz viele romantische Vorstellungen in diese neue Epoche hinein projiziert
und damit meist ein recht blumiges Bild einer schönen neuen Welt geschaffen. Deutlich spürbar ist
jedoch heute, daß die Menschheit an einen Wendepunkt gekommen ist. Das Alte, die alten Verhaltensweisen,
Gesellschaftsstrukturen und Institutionen scheinen nicht mehr richtig zu funktionieren. Das Neue wird
zwar leise geahnt, ist aber noch nicht richtig in Sicht.
Für mein Verständnis und meine Beobachtungen als Yogalehrer im Unterricht und auch privat,
ist dieses Neue vor allem darin zu suchen, daß wir lernen, unser Bewußtsein selbständiger und
klarer zu gebrauchen und zu formen.
Bewußtseinsbildung könnte man das nennen. Die Impulse und Grundlagen zu dieser Bewußtseinsbildung
habe ich vor allem bei Heinz Grill, meinem spirituellen Lehrer kennengelernt. Ganz ähnliche Ansätze
habe ich später in der Anthroposophie Rudolf Steiners mit ihren Anweisungen zur Seelenpflege und
Bewußseinshygiene entdeckt. Das Verdienst von Heinz Grill ist es sicherlich, mit seinem "Yoga aus
der Reinheit der Seele" aus dem klassischen Hatha-Yoga Übungen geschaffen zu haben, die den
Anforderungen der heutigen Zeit und damit eben einer umfassenden Bewußtseinsbildung gerecht werden.
Weiterhin gibt es von ihm eine Reihe sogenannter "Seelenübungen", welche die Gedanken- und
Empfindungskräfte anregen und entfalten sollen.
Alle Bewußtseinsbildung beginnt mit der Fähigkeit zu einer natürlichen Aufmerksamkeit.
Gerade diese Fähigkeit des einfachen Hinschauens auf eine Sache ist wichtig. Testen Sie es
doch einmal selbst: Nehmen sie ein Betrachtungsobjekt wie eine schöne Blume oder ein Bild zur
Hand und bemühen Sie sich, die Aufmerksamkeit einmal über fünf Minuten konzentriert bei diesem
Objekt ruhen zu lassen. Lassen sie die Form, die Farbe, den gesamten Eindruck einmal still auf
sich wirken. Theoretisieren Sie möglichst nicht, sondern bleiben Sie mit ihren Gedanken lebendig,
aber ganz zur Sache gerichtet. Die Gedanken begleiten im idealen Fall die Wahrnehmung, vertiefen
sie und bilden sich an ihr.
Sollte es ihnen gelungen sein, so dürfte ein stiller Eindruck der Sache in ihrem Bewußtsein
zurückgeblieben sein. In den allermeisten Fällen wird es uns jedoch nicht gelingen, wirklich fünf
Minuten gedanklich konzentriert bei einer Betrachtung zu verweilen. Diese Beobachtung hat sich mir
als Yogalehrer bei vielen Kursen bestätigt: Sehr viele von uns haben immense Schwierigkeiten, eine
Sache über einige Zeit hinweg konzentriert zu betrachten. Es ist uns oft nicht möglich, unser
Bewußtsein in dieser grundlegenden Art und Weise zu "gebrauchen". Vielleicht haben Sie bemerkt,
wie während der Konzentration, die verschiedensten Gedanken und Stimmungen auftauchen,
z.B. "Was soll das eigentlich?", "Was bringt mir das?" und uns "überreden" wollen, die Betrachtung
vorzeitig abzubrechen. An einem solchen kleinen Experiment wird uns damit eine Tatsache deutlich,
deren wir uns meist nicht bewußt sind: Es fällt uns zunehmend schwerer, unser Bewußtsein
selbstbestimmt zu gebrauchen.
Es scheint, als wäre im Bewußtsein selbst eine Art Widerstand vorhanden, der uns von einer
wirklichen Aufmerksamkeit und Ruhe in der Beobachtung abschirmen will. Diesen Widerstand beschreibt
Heinz Grill aus einem geistigen Schauen heraus sehr deutlich:
“ Die einfache Anschauung von Bergen, Bildern, Naturszenen und Natursymbolen stößt in ihrer
praktischen Ausgestaltung sogleich auf eine große Ablenkung und Behinderung. Kaum sind Personen zu
finden, die die Aufmerksamkeit einigermaßen selbstaktiv, kontrolliert und in wirklicher Bezugsrichtung
zu einem Bild oder einem Naturdenkmal im Lichte der Konzentration behalten können. Es begleitet den
Menschen in unserer Zeit und Kultur eine beständige Macht, die in Form eines Wächters neben ihm, oder
besser gesagt, sogar vor seinen Sinnen steht und das Licht der Beschaulichkeit zu einem konkreten
Gedanken behindert.”
Das Bild des Wächters mag uns vielleicht etwas unheimlich anmuten, aber doch scheint sich
dieser Eindruck bei einiger Selbstbeobachtung zu bestätigen. Wir alle kennen auch aus der Psychologie
die Macht der Projektion, die uns daran hindert, die Außenwelt objektiv wahrzunehmen. Die Art und Weise,
wie wir die Mitmenschen und die Umgebung erfassen, ist oft nur eine Widerspiegelung unserer eigenen
Gedanken und Gefühle. Damit gelangen wir immer schwerer in eine wirkliche Beziehung zur Welt und fühlen
immer deutlicher auch dieses Abgeschnittensein von einer Teilnahme am Anderen. Das Gefühl der Trennung,
der Isolation und der Entfremdung von der Außenwelt und den Mitmenschen verbreitet sich immer mehr
unter uns Menschen. Wir merken immer deutlicher, wie eine innere Armut und Leere sich unserer Herzen
bemächtigt.
Es mag sicherlich sein, daß viele diese Leere und Trauer gar nicht bewußt bemerken, da das Leben
heute alle Möglichkeiten einer Kompensation und Ablenkung durch die schnellen Reize und Sensationen
der Medien bietet. Die inzwischen sehr weit entwickelte Informationskultur verlangt keine Aufmerksamkeit
mehr, kein wirkliches Hinschauen und Vertiefen in eine Sache, da sie kaum mehr wirkliche Inhalte bietet.
Inhalte sind von den "Medienkonsumenten" meist auch nicht mehr gefragt, sondern der schnelle Reiz,
die Aufregung, die uns die innere Leere vergessen läßt. Gerade diese permanente Flucht vor uns selbst,
hinein in die Kompensation unserer inneren Armut mit immer stärkeren Reizen ist aus meiner Sicht aber
in den meisten Fällen die Ursache für die nervliche Dauerbelastung, die wir unter dem Begriff "Streß"
allgemein zusammenfassen.
Ausgehend von dieser Betrachtung wird auch die Entwicklungsaufgabe deutlich, die uns in dieser Zeit gestellt ist: Die innere Kraft zu einer ruhigen Aufmerksamkeit zu finden und dem mächtigen Sog nach immer mehr Zerstreuung und Ablenkung zu widerstehen. Der Wächter, den Heinz Grill in seinem Text beschreibt, wird so von einem Gegenspieler zu einem Widerstand, an dem wir wachsen können. Gerade indem diese Macht uns von der wirklichen Begegnung und Beziehung mit den Mitmenschen und der Außenwelt abschirmt, gewinnt sie wieder einen Sinn. Das scheinbar Böse, das uns in Form dieses Wächters begegnet, ruft eben die Kräfte der Bewußtseinsbildung und selbständigeren Ausrichtung unserer Gedanken und Empfindungen wach, die wir für unsere Entwicklung benötigen. Durch das Überwinden dieser Widerstandsmacht entsteht somit Entwicklung und Reifung unseres Wesens. Diese Überwindung benötigt wohl einige Disziplin und wiederholte Übung. Wir können nicht erwarten, daß sich bereits bei den ersten Versuchen schon große Erfolge einstellen. Geduld, Ausdauer und Wachheit tragen uns aber über die anfänglichen Mißerfolge schnell hinweg und wir bemerken mit Freude, wie die Kraft zur Aufmerksamkeit und Anschauung im Stillen kräftiger wird und die Macht der Projektionen durch unsere geduldige Auseinandersetzung Stück für Stück gebrochen wird.
Die wohl einfachste Form der Übung zu einer Stärkung der Bewußseinskräfte dürfte die
Integration einfacher Besinnungspausen in den Alltag sein. Mindestens einmal am Tag treten wir
für 10 bis 15 Minuten aus dem treibenden Strom der Gedanken und Gefühle heraus und schwingen
uns entschlossen zu einer einfachen, aufmerksamen Betrachtung auf. Günstig scheint hierfür
eine Sitzhaltung mit klar aufgerichteter Wirbelsäule, da dadurch das Konzentrationsvermögen
stark gefördert wird. Die Inhalte für eine solche Betrachtung sollten sorgfältig gewählt werden.
Geeignet sind wohl die ästhetischen Gestaltungen der Natur wie etwa eine Blume, ein Baum,
oder eine Getreideähre. Aber auch die Werke von Menschen, deren Herz von einer Achtung vor
der Schöpfung und mit tiefer Erkenntnis der Lebensgesetze erfüllt war, eignen sich gut.
So ist es denkbar, zum Beispiel ein Bild von Leonardo da Vinci oder Raffael zu betrachten.
Wesentlich ist es wohl, den Gegenstand der Betrachtung nicht zu schnell zu wechseln.
Eine Woche sollte er mindestens beibehalten werden, damit durch die Wiederholung eine
Beziehung reifen kann. Gerade wenn nach den ersten zwei, drei Betrachtungen scheinbar
ein toter Punkt erreicht ist, soll die Übung unbedingt weitergeführt werden, auch wenn
es so scheint, als "kenne man nun schon alles". Das Überwinden dieser "Durststrecken"
wird bei einiger Ausdauer reichlich belohnt, da nun meist eine deutlich wahrnehmbare
neue Beziehung und ein tieferes Interesse an der Sache erwacht. Es wird einem vielleicht
so ergehen, daß man nach einer Woche regelmäßiger Besinnungspausen mit Betrachtung einer
Rose ganz ergriffen bei sich spricht: "Nie hätte ich gedacht, welches tiefe Geheimnis,
welches Wunder der Schöpfung in dieser Blume verborgen liegt!" Die Ergriffenheit ist
ein Zeichen, daß die ersten Anzeichen einer realen Empfindung zur Sache erwacht sind.
Natürlich ist auch Vorsicht geboten, daß nicht ein eher romantisches Schwelgen in
Gefühlen mit der reinen Empfindung verwechselt wird. Auch intellektuelle Spekulationen
führen erfahrungsgemäß nicht näher zur Sache. Heinz Grill beschreibt die innere Aktivität
in der Betrachtung folgendermaßen:
“Einer der bedeutungsvollsten Schritte zu einem Heilwerden des menschlichen Daseins
liegt in der Ausprägung einer bewußten, aktiven Aufmerksamkeit. In dieser scheinbar so
einfachen Disziplin liegt ein bewußteres Schauen, ein reineres In-Beziehung-Treten zu den
Bildern der Natur und den Erscheinungsformen des Daseins. Den unruhigen und oberflächlich
vorübergleitenden Sinnen wird die willentliche Führung zur ruhigen, sorgfältigen und
gedanklich vortrefflichen Betrachtung auferlegt. In dieser sehr genau gewählten Disziplinierung
öffnet sich erst der Blick zu einer rechten Anschauung und das Bewußtsein wird sich dem
schöpferischen Selbstausdruck des zu betrachtenden Objektes im größeren Maße bewußt.
Die sorgfältige Auswahl von Betrachtungsobjekten und die Ausdauer im Beobachten, Hinschauen,
Hinhören und Hinfühlen zu diesen, führt zu einer natürlichen Intensität des Gedankenlebens,
zu einer Tiefe und einem Gewahrsein. Es entspricht der natürlichen Zielorientierung der
Konzentration. Die Sinne empfangen den Sinngehalt.”
Vielleicht können Sie nun mit den Worten "schöpferischer Selbstausdruck" oder
"Die Sinne empfangen den Sinngehalt" nicht gleich etwas anfangen. Hierbei müssen wir beachten,
daß diese Beschreibungen aus einer geistigen Schau der inneren Zusammenhänge einen Sachverhalt
schildern, der bei regelmäßiger Ausführung dieser Betrachtungen vielleicht zur eigenen Erfahrung
werden kann:
Jede Sache, jedes Wesen der Natur trägt in sich ein Geheimnis. Es ist ein innerer Gedanke,
eine Idee, deren Ursprung ganz im Geistigen liegt und deren äußerer Ausdruck uns in Form einer Blume,
eines Baumes oder eines Kunstwerkes entgegentritt. Wenn wir unsere Sinne auf ein Objekt richten,
so blicken wir nicht nur auf die Materie, sondern treten bei einiger Ausdauer immer tiefer und
inniger mit dieser Idee, oder diesem Gedanken in Beziehung. Der Gedanke der Rose oder der des
Baumes beginnt in uns zu leben. Die feine Empfindung bemerkt dies mit einem zarten Berührtsein
durch ein fast engelhaft erscheinendes Licht und eine tiefe, selige Freude. Wir spüren, daß wir
damit an der Schöpfung teilhaben und die Projektionen zu einem gewissen Grad überwunden haben.
Diesen Schilderungen zufolge liegt es auf der Hand, daß die Wege, auf denen wir heute
versuchen, Entspannung zu erlangen, oftmals nicht wirklich geeignet sind, uns diesem Ziel
näherzuführen. Sicherlich können CD's mit Entspannungsmusik, ätherische öle, oder verschiedene
Entspannungstechniken eine wertvolle Hilfe in der Not sein, wenn die Nerven wieder einmal
"verrückt spielen". Die tiefere Ursache der Unruhe können sie jedoch oftmals nicht beseitigen.
Das innere Wachstum und die besondere Form der Bewußtseinsbildung, die unsere Zeit von uns verlangt,
können nicht von außen hervorgerufen oder durch Techniken erreicht werden. Techniken oder äußere
Mittel erzeugen in der Regel nur ein vorübergehendes Wohlgefühl, das uns über die bestehende
Anforderung zum eigenen Arbeiten allzu leicht hinwegtäuschen kann. Ein inneres Aktivwerden
und schrittweises Erkraften der Seelenkräfte des Denkens, Fühlens und Wollens fördert unsere
Entwicklung und hilft uns, wieder eine gesunde Beziehung zum Leben zu entwickeln und die
innere Leere wieder mit Leben und Freude zu füllen. Diese Auseinandersetzung ist eine Arbeit,
die Mühe und Geduld kostet. Aber gerade die Arbeit und Opferleistung in der Auseinandersetzung
und rechten Bemühung läßt uns den ersehnten Lohn der inneren Zufriedenheit und Entspannung
aus einer höheren Region des Seins zuteil werden.
Die Zitate von Heinz Grill stammen aus dem Buch “Der Archai und der Weg in die Berge”
erschienen 1999 im Verlag für Schriften von Heinz Grill.
Vertiefende Literatur zu den Grundlagen von Bewußtseinsbildung:
R. Steiner "Nervosität und Ichheit" Rudolf Steiner Verlag, Dornach
(eine preiswerte kleine Broschüre)
ders. "Wie erlangt man Erkenntnisse höherer Welten" Rudolf Steiner Verlag, Dornach
Heinz Grill "Harmonie im Atmen" Hugendubel Verlag, München
ders. "Yoga und Christentum" Verlag für Schriften von Heinz Grill, Soyen
